Für Comicfans war in der DDR Schmalhans Küchenmeister. Ganz offiziell gab es noch nicht mal das Wort. Comics hiessen “Bildergeschichten”, Strips gab’s nur spärlich, und Westcomics sorgten – wenn man sich damit erwischen liess – für wärmende Flammen im schulischen Heizungskeller.
Die Zeiten sind zum Glück vorbei, mittlerweile erscheinen sogar Comics ÜBER die Zeit, damals, in der Zone. “Die sechs Schüsse von Philadelphia” ist so einer, trägt im Titel den Namen eines kleinen Kleckernestes in der Mark Brandenburg und spielt zu Beginn der 80er. Die ganze Geschichte gleicht einer Zeitreise in meine eigene Kindheit. Natürlich hatten wir nie eine schussbereite Knarre zum Spielen, unsere Waffen waren Katschis mit Papierkrampen. Aber die eine gefühlte Ewigkeit dauernden Sommerferien, die kleinen Dörfer in der Pampa, die weiten Wälder, die Flausen, die erste Liebe und die allgegenwärtige Sowjetarmee – das alles war Heimat. Zwar hören wir Geschichten von früher umso lieber, je älter wir werden, doch dieses Buch hat mehr zu bieten als einfache Erinnerungen: Eine gute Story. Beginnt wie ein Kinderbuch und endet alles andere als spassig (die sechs Schüsse!). Mehr wird nicht verraten.
Schade, dass alle anderen Comics des in Ostberlin geborenen Autoren Ulrich Scheel nur in Frankreich erschienen sind. Wenn die BRD im Gegensatz zur DDR ein Schlaraffenland für Comicleser ist, geht Frankreich getrost als Comicparadies durch.
Ulrich Scheel , “Die sechs Schüsse von Philadelphia”, Avant-Verlag 2008.
Leseprobe (PDF) auf der Seite des Zeichners, das Werk auf der Verlagsseite, scharfe Kritik bei Comicgate.
Frankreich ist tatsächlich ein Comicparadies.