Gedanken zum Kindertag. Neptunfest.

Kindertag bedeutete an meiner Schule früher, bei gutem Wetter: Neptunfest.
Alle Kinder hatten ihre Badesachen mitzubringen und sich am späten Vormittag an einem Waldsee in der Nähe des Schulgebäudes einzufinden. Man munkelte, nachts würden die Russen ihre Schwimmpanzer in diesem See waschen. Direkt bezeugen konnte das niemand, kein vernünftiger Mensch trieb sich während der Dunkelheit in der Nähe des Sperrgebiets herum, allerdings waren tags darauf die breiten Kettenspuren nicht zu übersehen.

Jedenfalls war der See schmutzig, und das passte ganz gut zu unserem 1. Juni, denn der wurde ebenso dirty. Der Höhepunkt des blöden Neptunfestes war nämlich die sogenannte Neptuntaufe.

Und die lief so ab: Die schlimmsten Typen aus der zehnten Klasse mischten ein Gebräu zusammen, bestehend aus Pfeffer, Ketchup, Salzwasser und allen möglichen verfügbaren Matschzutaten, richtig eklig musste es sein. Anschliessend wurde irgendein Ritual zelebriert, irgendwas über Neptun erzählt, der uns taufen müsse, totaler Unfug.
Dann ging alles schnell.
Neptun rief den Namen eines Kindes, das noch in der gleichen Sekunde hochsprang und versuchte, sich durch eine Flucht in Sicherheit zu bringen. Keine Chance, Wegrennen war sinnlos und auch ein wenig naiv, denn Neptuns Häscher (die oben erwähnten schlimmen Typen) waren stets schneller und umso aufgeputschter, je länger die Jagd dauerte.
(Wobei es gemeinerweise nur zwei Arten von Auserwählten gab: die Schulschönheit oder eine arme Wurst, die eh regelmässig auf die Nase bekam.) Mit Geschrei und Gezappel, unter schlimmem Gegrabbel an den Mädchen und fiesen Hieben für die Jungen schleiften die Häscher ihr Opfer Richtung Neptun.
Ähnlich übergriffig, demütigend und ohne das Eingreifen irgendeiner Lehrkraft ging es weiter.

Ich machs mal kurz: Der oder die Eingefangene wurde festgehalten, musste von der Ekelmische trinken und landete letztendlich in hohem Bogen im zu dieser Jahreszeit noch empfindlich kalten Wasser. Platsch. Und alles lachte und johlte. Dabei war jeder froh, nicht zu den Fortgezerrten zu gehören. Sogar die „Täuflinge“ lachten, mit Tränen in den Augen.

Ich habe nie verstanden, was an der ganzen Sache spassig sein sollte und den alljährlichen Kindertag eher als hoffentlich noch vor dem Mittag endenden Horror empfunden, bei dem es galt, möglichst wenig aufzufallen.
Bei Wikipedia steht, das Neptunfest findet „hauptsächlich in den neuen Bundesländern an der Ostsee oder an Badeseen in Kinderferienlagern oder bei allgemeinen Strandfesten statt“.
Wenn Ihr mich fragt, das Überbleibsel einer Diktatur, absolut überflüssig, bezeichnend, demütigend.

Schickt Eure Kinder nicht zu Neptuntaufen.