• Auf zur Buchmesse. Schauen, was sich getan hat. Seit dem Umzug vom Alten Markt hinaus ins Gewerbegebiet am Rande der Stadt war der Weg zum Messegelände sehr weit. In diesem Jahr fühlt sich die Reise dank Fertigstellung des City-Tunnels erstmals ungefähr so an wie der Umstieg von Windows auf Mac. Ihr fragt, ob das eine Milliarde Baukosten wert war? Oh ja, hierfür, jawoll. Vorausgesetzt, die S-Bahn fährt auch. Was nicht immer der Fall ist. Später mehr dazu.

    Bereits an der Messehaltestelle werden die ersten beschwingten Best Ager mit einer Flasche Sekt in den Händen gesichtet.
    Verwunderlich, dass später keiner von ihnen in den aufgeheizten Messehallen-Verbindungsröhren zusammenklappen wird. Im Gegensatz zum kühlen Bahntunnel bricht hier die Sonne ungehindert ein, ähnliche Temperaturen kennt der Leipziger zu dieser Jahreszeit sonst nur aus der Sauna oder dem Gondwanaland.

    Die Manga-Convention ist, das muss leider gesagt werden, zu grossen Teilen eine Verkaufsmesse für Anime-Ramsch. Trauben bilden sich an Ständen, die eingeschweisste japanische Convenience-Lebensmittel anbieten.
    Zwei kleine Messebesucherinnen, vielleicht acht Jahre alt, jede trägt ein „Free Hugs“-Schild, trotten sichtbar übel gelaunt durch die Gänge.

    Ob sich Verleger freuen, die ihren Stand gleich neben einer Crêpe-Bude einrichten durften? Wie sieht’s aus, Zeitbrücke-Verlag?

    Die ARD regiert die halbe Halle 3. Jedes Kulturradio bekommt seinen eigenen Stand spendiert, was das wohl gekostet hat? (Gut, Figaro in pissgelb – oder würdevoller: vergilbt gelb – war vielleicht nicht ganz so teuer.)

    Das öffentlich-rechtliche Battle um den imposantesten Messeauftritt gewinnt trotzdem das ZDF.

    Halle 2, die mit den Bildungsverlagen, hier sind junge Menschen in erster Linie auf der Suche nach der Mangahalle.
    Grosser Beliebtheit erfreuen sich die Glücksräder an den Ständen der Abrafaxe und der Bundesregierung. Ratterratterratter.

    In der Messebuchhandlung. Aufgestapelt liegen Bildbände mit dem „Schönsten“ aus der DDR neben Verkaufsknallern wie “Leckereien mit Löffelbiskuit“ oder “Teufelsküche – Verboten gut und höllisch scharf“. So etwas versteht der gemeine Buchhändler unter Medienpräsentation nach Interessenkreisen.

    Der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels hat ein Kaffeehaus aufgebaut, mit echten Tassen und Gebäck. Leider, natürlich, sind alle Tische besetzt.
    Im Pressebereich kostet der Latte unschlagbare 1,50 Euro, ansonsten gibt’s ihn messeweit für 3,80.

    Hurra! An der LVZ-Autorenarena liegt die LVZ für Umme aus. Nix Drücker, nix Abo. Bravo, alte Tante!

    Jemand sagt: „Was sich hier mit den Jahren wesentlich geändert hat ist, dass die Promoter mehr Bart tragen.“

    Im Fachforum erklärt Leander Wattig den Vertretern der Generation Ü45 das Social Web. Zitat: “Wenn ich meinen PR-Artikel da reintippe, wird das in der Regel wenig Interaktion ergeben.“ Raunen in der Audience.

    Gegen 14 Uhr läuft der Reporter in seinen ersten Promi. Andreas Dresen beim Neuen Deutschland.
    Dann geht es Schlag auf Schlag: Nebenan bei der taz winkt Werner Schneyder ab, als seine Biographie runtergelesen werden soll. Und im Berliner Zimmer, da steht er, lebensgross: Roger Willemsen. Unser Mann im Bundestag.

    Der lange Marsch zurück zur S-Bahn-Haltestelle wird mit dem Ausfall der S-Bahn belohnt. „Werte Fahrgäste, aufgrund einer unvorhergesehenen Störung kann dieser Zug seine Fahrt auf unbestimmte Zeit nicht fortsetzen. Wir empfehlen Reisenden Richtung Hauptbahnhof den Umstieg in die Strassenbahn Linie 16.“
    Die Linie 16 der LVB besteht aus einer rappelvollen Waggonreihe Modell Tatar. „Gibt’s sonst nur noch in Osteuropa“, verkündet ein grauer Sachse stolz.
    Ihr fragt, ob das eine Milliarde Euro wert war?

  • Seit einigen Wochen greift die Zensur in meiner Timeline, genauer gesagt: die Sportzensur. Nachdem es mir während der olympischen Spiele und vor allem an den Wochenenden zunehmend schwerer fiel, die beim Wegscrollen von Medaillen und Bundesligaergebnissen verschwendete Lebenszeit nur mit einem Schulterzucken zu quittieren (selbst seriöse Nachrichtenredaktionen scheinen ihr Stammpersonal an Spieltagen komplett gegen verhinderte Ballschubser auszutauschen, die derart alleingelassen absolut kein Halten mehr kennen, das geht bis hin zum Rauspuschen von Eilmeldungen), musste Abhilfe her. Man wird ja schliesslich nicht jünger.
    Die Herausforderung lag darin, mit möglichst wenigen Filterbegriffen die Welt des Leders vollständig aus dem Leben auszublenden, ohne Wichtiges zu verpassen.

    Falls Ihr ebenfalls leidet (und ich weiss, es gibt EUCH da draussen), kommt hier nun Hilfe in Form der Liste neuester Stand:

    Bundesliga, Liga, Fussball, Stadion, Spieltag, Hsv, Bvb, Fc, Pokal, Handball, Champions, Tooor, Trainer, Olymp, Poschmann, Beckenbauer, Fifa, Nationalmannschaft, Sport, Dfb, Vfl, Magath, Borussia, Hockey, Luhukay, Leverkusen, Halbzeit, Klinsmann, Jogi, 11freunde_de, Arsenal, Tribüne, Elfer, Elfmeter, Schalke, Finale, Hertha (optional).

    Die Fussballweltmeisterschaft im kommenden Sommer wird meinen Ehrgeiz sicher weiter anstacheln.

  • (Aus: „Glückliche Nichtstuer“, YouTube ab ca. 6:15 min.)

    „Ja was ändert sich denn für denjenigen der das sagt, wenn ich nicht im Bett liege. Gar nix. Der soll sich lieber mal fragen, ob er nicht selber mal Montag im Bett liegen bleiben sollte. Dann ändert sich was!“

  • Am ersten Tag fährst du vorbei und denkst: ‚Jawoll, Fehler in der Matrix‘.

    Am zweiten: ‚Wenn jetzt noch der letzte Buchstabe in der oberen Reihe ausfällt, dann haben wir den Salat‘.

    Am dritten überlegst du, wie es wäre, mit einem Stein nachzuhelfen.

    Am vierten Tag freust du dich darüber, dass in diesem Jahr kein Schwein mehr defekte Röhren auswechseln wird. Weil vor Weihnachten alle ihren Resturlaub abfeiern und längst stumpf vom vielen Glühwein sind.

    Am fünften Tag möchtest Du anhalten und ein Foto machen, doch dann funktioniert die verdammte Reklame auf einmal wieder.

    Am sechsten Tag auch.

    An Tag Sieben siehst du schon von Weitem das Flimmern, parkst ein, wirfst beide Handschuhe ab, zauselst die Kamera hervor und …
    … dann funktioniert die verdammte Reklame auf einmal wieder.

    Und nun stehst du hier.
    Während der kalte Wind weht und deine Finger nur noch nach Hause wollen.
    Schaust auf die antiken Einkaufswagen, Marke Neunziger, zu denen man sich hinunterbücken muss, um Waren hineinzulegen. Erinnerst dich daran, wie eine Bekannte hier einst ihr BAföG aufpeppen musste, in der Flaschenannahme. Richtig: Flaschenannahme! Herrje, wie lange lebst du eigentlich schon in dieser Stadt? Noch bevor du nachrechnen kannst, rauscht ein Mann im Rollstuhl vorüber. Der Gute hat keine Beine mehr. Du hast ihn schon oft am Strassenrand sitzen sehen, wie er so mit einer Flasche auf dem Schoß den Autos hinterherschaut. Ob er wohl auch diesen einen Typen kennt, der sich ab und zu im Freisitz des um die Ecke gelegenen Cupcake-Lädchens platziert und den Club der jungen Mütter verschreckt, indem er wirres Zeug brüllt?

    Plötzlich beginnt die Leuchtreklame zu flackern, du drückst den Auslöser und hältst für sieben Sekunden den Atem an.

    Film ab.